Deep skills

Warum ich im Kontext von KI über die Bedeutung unserer Körperlichkeit und über die tief in uns angelegten Fähigkeiten als Menschen sprechen möchte - eine Einladung, deine, meine, unsere DEEP SKILLS - gerade im Bildungskontext - zu erkunden.
Im Diskurs über die Folgen zunehmender KI Nutzung im Bildungskontext zeigt sich eine Spannung zwischen befürchtetem „Skillskipping“ und „Deskilling“ einerseits und der Betonung von „New- bzw. Upskilling“ andererseits, letzterer oft gefolgt vom Ruf nach „schnelleren Lernen“, das erforderlich sei, um für die hohe Entwicklungsdynamik gewappnet zu sein. Es finden sich zunehmend hilfreiche Konzepte, die aufzeigen, wie mit KI in der Schule bildungsrelevant gearbeitet und gelernt werden kann und erfreulicherweise öffnet sich der Diskurs zunehmend auch gesellschaftsorientiert (z.B. im Projekt demoKI an der Friedensschule Osnabrück).
 
In diesen Diskurs möchte ich den Begriff von DEEP SKILLS einführen bzw. ihn erläutern. Und ich möchte einladen, unseren Blick bewusst auf den Wert und das Potenzial sowohl unserer Körperlichkeit als auch unserer damit verbundenen elementaren Fähigkeiten zu lenken. Ich möchte so auch einen Moment der Besinnung in die scheinbar unaufhaltsame Dynamik technologischer Entwicklungen sowie in einen fast ebenso atemlos geführten Diskurs über Konsequenzen für Lern- und Bildungsangebote zu bringen. Damit wir gemeinsam schauen können, wie die sicherlich nicht mehr aufzuhaltende Integration von KI in alle Lebensbereiche hinein  menschenorientiert gestaltet und am Gemeinwohl ausgerichtet gelingen kann.
 
Wenn du wenig Zeit hast, nimm dir mehr davon“ - ein fast richtig zitiertes Zitat
 
Wir tun nicht gut daran, das immer höhere Tempo weiter hochzudrehen. Allerorten wird von den fantastischen Zeiteinsparungen gesprochen, die KI Tools versprechen. Und ja – es ist völlig faszinierend, einem Assistenten zuzuschauen, der Arbeit, für die ich drei Tage benötige, in Minuten bewältigt, bei gar nicht schlechtem Ergebnis. Aber “Zeiteinsparung” ist kein Wert an sich, und Studien wie “Measuring the Impact of Early-2025 AI Experienced Open Source Developer Productivity” lassen erkennen, dass kein Entlastungseffekt eintritt. Ebensowenig sind “eine Eins”, “gute Rechtschreibfähigkeiten”, “Abitur” oder “Schulabschluss” Wert oder Ziel von Bildungsprozessen - sie können Etappenziele sein, aber keine tragende Orientierung geben.
Was meine ich damit? Wir müssen die Frage nach dem WOZU unserer schulischen und andersortigen Bildungsarbeit heute dringend wieder (er) klären, damit wir sinnstiftend und verantwortlich, gemeinsam und gesund im von KI geprägten Zeitalter lernen und arbeiten, damit Schule relevant bleibt, damit (welt-) gesellschaftliche und schulische Wirklichkeit sich nicht entkoppeln, damit wir mit unserer Zeit (ob gewonnen oder nicht) und den wachsenden Herausforderungen in Gegenwart und Zukunft so umgehen, dass wir eine l(i)ebenswerte, friedensfähige und gerechte Welt und eine kooperierende Weltgesellschaft erhalten.
Die Besinnung auf unsere DEEP SKILLS - was sie sind, was sie uns ermöglichen, was sie zur Entfaltung benötigen - kann uns hier helfen.
Lernen und Arbeiten im KI Zeitalter – zwei Perspektiven
 
Nach einer experimentierfreundlichen Erprobungs- und Orientierungsphase und der schnellen Integration unterschiedlichster KI-Modelle in die tägliche Arbeit von Lernenden und Studierenden - nur teilweise auch in den Alltag von Lehrkräften/Lehrenden - nahm der Diskurs über die Folgen dieser Entwicklungen für Bildungsprozesse schnell Fahrt auf in Richtung Besorgnis und Warnung, dass die steigende Nutzung von KI zum Verlust wichtiger Kompetenzen führe. Begriffe wie „Deskilling“ und „Skillskipping“ versuchen das Risiko zu benennen, dass zentrale Kompetenzen wie eigenständiges Denken, Textverstehen oder Problemlösungsfähigkeit langfristig verlernt bzw. nicht mehr gelernt werden. Wenn für bestimmte Aufgaben KI genutzt wird, können dazugehörige, zugrundeliegende Prozesse wie eigenständiges Lesen, Zusammenfassen, Verstehen oder Bewerten nicht mehr (ein)geübt werden. Konkret meint daher der Begriff „Skill-Skipping“, dass essentielle Lernschritte übersprungen werden und durch diese KI-gestützten Abkürzungen der angestrebte bzw. erforderliche Kompetenzerwerb ausbleibt.
Langfristig wird sowohl eine abnehmende Kompetenz und Professionalität in unzähligen Arbeits- und Berufsfeldern und die Abhängigkeit von einer Technologie mit noch nicht absehbaren gesellschaftlichen Folgen befürchtet.
Demgegenüber steht die Betonung der positiven Folgen technologischer Anpassung, wenn von „Up- oder Newskilling“ und „AI Leadership“ die Rede ist und die vielfältigen Entwicklungs- und Gestaltungsmöglichkeiten betont werden, weil durch KI-Nutzung ganz neue Fähigkeiten und Kompetenzen entstünden. „Upskilling“ beschreibt eine gezielt zu fördernde Erweiterung bestehender Kompetenzen durch KI, etwa durch den Einsatz von KI-Tools zur Vertiefung von Fachwissen oder zur Entwicklung neuer Fähigkeiten. Nicht mehr erforderliche Kompetenzen fielen dabei weg, was aber nicht als Problem zu betrachten sei.
„Newskilling“ rückt die Chancen in den Vordergrund, dass KI z.B. als „Sparringpartner“ im Lernen neue Fähigkeiten fördern und insbesondere auch die metakognitive Selbststeuerung von Lernenden unterstützen kann, wenn Schüler:innen und Studierende lernen, ihre Denkprozesse im Dialog mit der KI zu beobachten, zu bewerten und sie gezielt(er) zu steuern. Diese kontinuierliche Reflexion der eigenen Rolle in hybriden (Kollaborations-) Prozessen ermögliche die gezielte Weiterentwicklung persönlicher Stärken.
Langfristig wird hier erwartet, dass eine „AI Leadership“ erworben werden kann als neue und übergreifende Kompetenz, die das Lernen "mit, über, durch, trotz und ohne KI" (ähnlich von Joscha Falck und Kolleginnen geprägt) umfasst. Damit soll KI nicht nur angewendet, sondern auch hinsichtlich der gesellschaftlichen, ethischen und pädagogischen Implikationen reflektiert werden und ganz grundsätzlich die Entscheidung über (Nicht) Nutzung immer neu getroffen werden. AI Leadership wird daher als werteorientierte Steuerungskompetenz verstanden.
Einig sind sich die meisten Forscher:innen und Praktiker:innen darin, dass die Schlussfolgerungen für Lehrkräfte oder Lehrende darin liegt, ihre Rolle von reiner Wissensvermittlung ablegen zu müssen zugunsten einer mehr Lernsettings bzw. Lernräume-designenden und -begleitenden Rolle. Ein Fokus müsse die Ermöglichung metakognitiver Selbststeuerung und Selbstreflexion sein. Von Lehrenden und Lehrkräften wird erwartet, dass sie sich schnell in Nutzung und Bewertung von KI Systemen einarbeiten, um dann (neue) didaktische Konzeptionen zu entwickeln.
Ähnlich wird für die Berufswelt gefordert, dass sich Berufstätige noch stärker auf lebenslanges Lernen einstellen müssen, um mit den technologischen Entwicklungen Schritt zu halten. Von Berufseinsteiger:innen wird bereits eine Qualifizierung auf Senior-Level erwartet, da klassische „Junior“ Tätigkeiten in vielen Professionen von KI erledigt werden können.
Aus diesem Grund fordert Prof. Doris Weßels, Wirtschaftsinformatikerin, Hochschullehrerin und Leiterin des Zukunftslabors für generative KI und eine der führenden Stimmen im KI-Bildungsdiskurs, dass Studierende für deutlich qualifiziertere Aufgaben vorbereitet werden müssen.
Angesichts der Schnelligkeit der Entwicklungen forderte sie kürzlich in einem Interview, dass „wir Menschen uns sehr schnell weiterentwickeln“, wenn wir im „Wettbewerb“ von Mensch und Maschine bestehen wollten. Sie beklagte insbesondere für Deutschland einen drohenden Rückstand, ein Verbleiben im Gestern, da wir zu langsam im Feld KI unterwegs seien.
zu viel, zu wenig, zu langsam, zu schnell“ – ein Diskurs, den wir ändern dürfen
 
Trotz der Spannung zwischen den beiden Perspektiven klingt in beiden eine Angst durch: entweder, dass wir zu viel verlernen und in technologische Abhängigkeit geraten oder dass wir zu langsam lernen und in technologische Abhängigkeit bzw. gesellschaftlich und wirtschaftlich / weltpolitisch ins Abseits geraten. Beiden Perspektiven zu eigen ist somit die Ausrichtung an der gegenwärtigen technologischen Entwicklungsdynamik und ein Verständnis von Lernen bzw. ein “Lernauftrag”, uns bestmöglich an diese Gegebenheiten anzupassen - entweder (so die Befürworter:innen einer intensiven und kompetenten KI Nutzung), indem wir den erkannten Risiken des Skillskipping und Deskilling durch gezieltes (zu akzelerierendes) Newskilling begegnen und Lernende aller Altersstufen befähigen, KI als Werkzeug für den eigenen Kompetenzaufbau zu nutzen oder (so die skeptischen Stimmen), indem wir verstärkt und mehr auf bekannte, definierte und “substanzielle” Kompetenzen sowie auf megakognitive Fähigkeiten Wert legen und diese anstelle der (so die Kritik) zu wenig definierten „Future Skills“ fördern.
 
Für mich sind beide Perspektiven verständlich und die formulierten Sorgen und Folgerungen (jeweils für sich) nachvollziehbar. Dabei begrüße ich klar die kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit technologischen Entwicklungen, die unsere Wirklichkeit prägen. Dennoch bereiten mir beide Perspektiven zugleich auch deutliches Unwohlsein und das aus zwei Gründen:
 
Problematisch finde ich zum einen die Qualität von Bedrohung und Gefahr, die den Diskurs prägt, zum anderen teilen meinem Eindruck nach beide Perspektiven ein Lern- und Leistungsverständnis, das defizitorientiert ist.
Veränderung und Entwicklung ermöglichen - ohne Drohkulisse 

 

Auch ich sehe fundamentalen Änderungsbedarf im deutschen Bildungssystem und freue mich daher außerordentlich über die 17 inspirierenden Expert:innenbeiträge “Schule neu denken” auf spektrum.de, die allesamt deutlich machen, dass wir ein Verständnis von Schule und Lernen brauchen, das von Respekt und Vielfalt, Verantwortung und Zusammenarbeit geprägt ist und das deutlich anders aussieht als die heute überwiegend erlebbare Schulwirklichkeit.
Gleichzeitig (und das zeigt der genannte Expert:innenblog wunderbar) dürfen wir m.E. den Diskurs über Bildung und noch viel mehr konkrete Bildungsprozesse niemals unter dem Eindruck und mit Botschaften von Angst und Gefahr führen. Das ist maximal unproduktiv und bedingt, dass wir nötige und mögliche Wege der Veränderung nicht erkennen und (an)gehen können.
 
Wie das?
 
Je mehr Signale von “müssen” (Handlungszwänge, Unterlassens- und Bewahrensforderungen) und Warnungen (“wenn (nicht), dann...”) uns erreichen, desto mehr engen wir unwillkürlich unsere grundsätzlich unerschöpflichen Reaktions- und Gestaltungsmöglichkeiten ein. Auf Signale von Angst oder Bedrohung, egal ob verbal oder nonverbal vermittelt, reagiert unser gesamtes (Körper und Nerven-)System unwillkürlich mit der Fokussierung von Aufmerksamkeit, der Begrenzung von Wahrnehmung/en, der Reduzierung von kognitiven, emotionalen und verbalen Fähigkeiten und mit dem Rückgriff auf “Funktionierendes”. Diese autonome Reaktion unseres gesamten "Systems" ist die vielleicht tiefste der DEEP SKILLS, die in uns wirksam ist: Sie dient dazu, jegliche Gefahr zu erkennen, ihr bestmöglich zu begegnen, das Überleben zu sichern und die Sicherheit bzw. ein Sicherheitserleben wiederherzustellen. Alle inneren Systeme agieren hier völlig autonom und ohne unser Wissen und unsere willentliche Steuerung.
Was hoch sinnvoll ist in realen Gefahrenlagen und uns Kampf, Flucht oder auch Freeze ermöglicht, wenn Lebensgefahr besteht, ist in Situationen, die eher Herausforderung als Gefahr darstellen, für Situationen, die schwierig sind und die kreative, vielleicht neue Wege und Lösungen verlangen, eine höchst ungünstige Haltung. Nötig wäre hier vielmehr das Empfinden oder bewusste Gestalten von Sicherheit, denn (nur) dann sind uns alle unsere Sinneseindrücke und deren Verarbeitung zugänglich und wir können Fähigkeiten ebenso abrufen wie schlummernde Potenziale wecken – und damit komme ich zum zweiten Punkt:
Lernen ist nicht die Bekämpfung von Defiziten

 

Im aktuellen Bildungsdiskurs (verstärkt seit dem Ende der Corona-Pandemie, vernehmlich aber bereits seit dem ersten “PISA Schock”) irritiert mich der Fokus auf das Beenden und Bekämpfen von Defiziten. Denn Lernen ist mehr bzw. etwas ganz anderes als der Kampf gegen oder der Sieg über Defizite, Leistung zeigt sich nicht im Nachweis ausgeräumter Defizite und nachgewiesener “Employability”. 
Lernen ist der mal zielorientierte(re), mal offene(re) soziale, kognitive und emotionale Prozess von Unterschiedsbildung zu Können - über die Wege des Fragens, Entwickelns, Erprobens, Scheitern, Hinterfragens, Verbesserns, Adaptieren, Erweitern etc. Er ist Anstrengung und Freude, Staunen und Ärger, Unverstehen und Mehrverstehen, Kommunikation und Schweigen. Leistung ist das, was dabei stets erfolgt, jedes Bemühen, jede Frage, jeder Lösungsversuch, jede einzelne oder gemeinschaftliche Anstrengung. Leistungsbereitschaft zeigt sich beim Betreten der Schule und auch im Satz “Ich verstehe das nicht”. Sie wächst, wenn sie gewürdigt wird, sie schrumpft, wenn ihre - manchmal zugegebenermaßen versteckte - Präsenz nicht erkannt wird. 
 
Die aktuelle repräsentative Vodafone-Studie vom Januar 2026 unter 14-20 Jährigen belegt,  dass 72% sehr stark oder stark unter Schulstress und Leistungsdruck leiden, weitere 57% geben zudem sehr starke oder starke mentale Erschöpfung an. Zusammen mit den vielfältigen vorliegenden, erschreckenden Befunden zu Schüler:innen- (und auch Lehrkräfte-) Gesundheit können wir das als Spiegel lesen - für den benannten “Bildungs-/Angst-Diskurs” ebenso wie für den kognitiv verengten Defizitblick, der das vorhandene Potenzial und die damit verbundenen Bedürfnisse der Lernenden wenig sieht und noch weniger würdigt und für das Lernen fruchtbar macht. 
Auch entwicklungsoffenere Positionen im KI-Diskurs verfolgen meist sowohl deutlich kognitive Leistungsziele aus direktiver Steuerung und enthalten für mich zu wenig Offenheit, zu wenig Ermutigung oder Wahrnehmung und Benennen dessen, was jede:r Lernende an Potenzialen für die gegenwärtige Lernwirklichkeit und noch viel mehr für die Bewältigung der globalen Lebenswirklichkeit/en im Zeitalter von KI mitbringt: unsere DEEP SKILLS, die uns immer begleiten und die gerade jetzt wichtig sind zur Ausrichtung von Schule und Bildungsarbeit.
(In diesem Podcast zu “Growth Mindset” spreche ich mit Marina Boonyaprasop-Meister von der Hessischen Lehrkräfteakademie über die Wirkungen einer potentialorientierten Haltung).
Worauf wir uns verlassen können… - DEEP SKILLS als Seinsqualität
 
Statt immer schnellere Entwicklung zu fordern, statt unsere kognitiv ausgerichtete Lernkultur zu verstärken mit dem Fokus auf bekannte Kompetenzen lade ich ein, dass wir uns besinnen und ausrichten auf die einzigartigen menschlichen Anlagen und Potenziale, die wir alle qua Mensch und als je individuell-einzigartige Ausprägung einer phänomenalen evolutionären Entwicklung mit all unserem körperlich-sinnlichen Sein als DEEP SKILLS mitbringen. Denn vor jedem Lehrplan und jedem Kompetenzziel steht die Ganzheitlichkeit unseres Seins. 
 
Wir Menschen sind wie alle Lebewesen mit einem faszinierenden Körperwesen ausgestattet, in dem sämtliche Prozesse perfekt aufeinander abgestimmt sind. Wir sind Balancekünstler:innen und Interaktionsexpert:innen - leider meist, ohne es zu wissen. Wissen und Bewusstsein über die hochintelligenten körperlichen Prozesse und die daraus folgenden (physischen wie emotionalen) Bedürfnisse können wie ein Kompass (auch) in den gegenwärtigen Krisenerfahrungen sein:
 
Zu verstehen, dass es nicht unser Gehirn (und schon gar nicht der Verstand) ist, das bzw. der über allem thronend uns und unser Leben und Lernen steuert, sondern dass sich zuallererst eine hochkomplexe Interaktion aller Sinne, Organe, Nerven, Hormone etc. vollzieht, die äußerst klug orchestriert ist und in die wir idealerweise mit entsprechender Körper- und Nervensystemkompetenz steuernd eingreifen sollten, ist ebenso gesundheitsfördernd wie lernermöglichend und verlangt gänzlich andere Lernräume und Lernangebote als sie derzeit überwiegend in Schule zu erleben sind. 
 
Unser Körper zeigt uns ständig und ganz konkret, ob wir gerade offen für Lernen sind oder nicht, je nach Statuserleben (Sicherheit?, Gefahr?, Lebensgefahr?) ist dann etwas ganz anderes erforderlich als ein Lehrvortrag oder eine Klassenarbeit. Wenn wir ernst meinen, dass Lernen persönlichkeitsbildend sein soll, wenn auch Bildungsgerechtigkeit unser Ziel ist, braucht es vor jeder inhaltlichen Arbeit das Wissen, Verstehen und gestaltende Ermöglichen von (psychologischer) Sicherheit durch Lehrkräfte und Lernbegleitende sowie das zunehmende Selbstwissen und die Steuerungsfähigkeit auf Seiten der Lernenden.
Unser Körper hilft uns dabei, denn wir können von ihm lernen. dass und wie Entwicklung und Kooperation gelingen - weshalb die Ärztin Giulia Enders uns alle sehr inspirierend auffordert “organisch” (so der Buchtitel) zu leben. 

Mit der Zuwendung zu unserer Körperlichkeit und dem “Sein in Verbundenheit” als DEEP SKILL, die eine hoch resonante Qualität ist, wird eine Tür geöffnet, die uns tief in das hineinführt, was wir sind, was uns auszeichnet und was wir sein können - und sie führt uns weit über uns hinaus, denn es ist gleichzeitig auch eine Perspektive, die uns immer in einen systemischen Kontext stellt, in dem wir uns der eigenen Begrenztheit und Abhängigkeit/en bewusst werden - körperlich, zwischenmenschlich, als Teil von kleineren oder größeren Gemeinschaften bis hin zum Kosmos. Auch wenn Abhängigkeit für die meisten Menschen nicht erstrebenswert klingt und nicht selbst gewählte Begrenzungen abgelehnt werden, sehe ich in unserer vielfältigen und wechselseitigen Verbundenheit - innerlich wie äußerlich - und dem Angewiesensein aufeinander nichts Negatives. Vielmehr sehe ich viel Tröstendes und Entlastendes darin, weil ich nicht alles selbst wissen, können, lösen oder retten muss, weil ich mich auf Kooperationen verlassen darf, weil ich froh und stolz sein kann, wenn ich mit meinen Möglichkeiten zu etwas Wichtigem beitragen kann und dankbar bin, wenn ich an anderen Stellen ergänzt und unterstützt werde. In aller Unverfügbarkeit des Lebens kann ich mich darauf verlassen. Wie wäre es, wenn diese Art von Verbundenheit als DEEP SKILL in Schule zu erleben wäre - jeden Tag?

Wir sind zu vielem fähig - auch zum Guten
 
Gegenwärtig werden uns noch viele Geschichten von Konkurrenz, Mangel und Kampf erzählt, von der Notwendigkeit von "Stärke". Damit korrespondieren Kontrolle, Verbote und Misstrauen - und zunehmend zerstörerische Angriffe und Krieg. In diesem Denken klingt die Rede von unseren DEEP SKILLS, denen ich in unserem Bildungsdiskurs und im konkreten pädagogischen Handeln gern mehr Raum geben möchte, vielleicht - bestenfalls - wie naive oder esoterische Spinnerei. Die Forschung sagt das Gegenteil und es ist äußerst ermutigend, dass die unterschiedlichsten Disziplinen von Neurowissenschaften bis Soziologie, von Philosophie bis Botanik das Geheimnis des Lebens in seinen Grundstrukturen und -prozessen als Netzwerk und Verbundenheitsgeschehen erkennen und erklären. Auch unter der sehr engen Perspektive auf “mangelhafte Schülerleistungen” halte ich diese Erkenntnisse für zentral und wegweisend, denn mehr vom Selben wirkt nicht, wir sehen es mit jedem neuen Studienergebnis. Es braucht zu dieser Einsicht keine weiteren Leistungsstudien - es ist evident. Wir verlieren Kinder, junge Menschen, Lehrkräfte und wir lassen die Schul- und Lernzeit nicht für das wirksam werden, für das sie gedacht sind. Es ist daher ermutigend dass an vielen Stellen und immer mehr kokreative Netzwerke entstehen, in denen Menschen zusammenleben, -arbeiten und Bildung gemeinsam neu denken und/oder ganz konkrete Wirklichkeiten erschaffen, die kleine wie große Menschen wachsen lassen und ihnen Raum für Selbstwirksamkeit und Gemeinschaft in Verantwortung eröffnen.
 
Ihnen und mir geht es um mehr als die sogenannte “Skill evolution” und die dynamische Verschiebung dessen, was als wichtig erachtet wird für die (Berufs-) Welt von morgen, wie sie auch wieder im aktuellen “Future of Jobs” Report des World Economic Forum 2025 beschrieben wird. Technologische Fähigkeiten sind darin natürlich zentral benannt, aber menschliche Kompetenzen wie Anpassungsfähigkeit, Kreativität und Führung werden besonders in einer von Automatisierung und Unsicherheit geprägten Arbeitswelt als ebenso zunehmend bedeutsam charakterisiert: “Complementing these technological skills, creative thinking and two socio-emotional attitudes – resilience, flexibility, and agility, along with curiosity and lifelong learning – are also seen as rising in importance." (Kapitel 3, Abschnitt "Skill evolution")
 
Es ist gut, dass diese Fähigkeiten zunehmend in den Blick geraten und dass sie auch Entwicklungsdesiderate für die schulische Lernwelt benennen. Für mich aber liegt der Orientierungswert, wenn wir von DEEP SKILLS sprechen, nicht in einer Bildung, die Lernen auf „berufliche Verwertbarkeit“ ausrichtet und schlimmstenfalls reduziert. Ebensowenig darf Bildung zum isolierten Selbstzweck werden, in dem keine Verantwortung für das gesellschaftliche Zusammenleben übernommen, kein Einsatz für eine gerechte Verteilung von Ressourcen und Gütern angestrebt, kein respektvolles Zusammenleben in Vielfalt Gesellschaft erlernt wird und in der auch die Rechte von Natur und Tieren nicht im Blick sind. Letzteres wäre dann eine Selbstverwirklichung des Menschen ohne Weltbezug und stärkt Entpolitisierung und Vereinzelung. Das Bewusstmachen unserer DEEP SKILLS und der Raum, den wir ihnen geben, verbindet innen mit außen, trennt nicht Inneres von Äußerem, sondern versteht sich als lebendige Wechselbeziehung, in der die Orientierung am Körperlichen, die sinnlich-aisthetische Dimension des Menschseins, direkt hineinführt in die Verbundenheit mit allen und mit allem. Hier dürfen wir gestaltend Teil sein.
 
Eine konkrete Möglichkeit für eine in diesem Sinne alternative Orientierung in der Bildung, die sich auch politisch verantwortlich sieht, bieten die Inner Development Goals (über die Nele Hirsch hier gebloggt hat). Sie nehmen die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen zum Ausgangspunkt und stellen die Frage: Was müssen wir lernen und wie müssen wir uns als Menschen weiter entwickeln, um die von uns definierten Nachhaltigkeitsziele zu erreichen?
 
Die DEEP SKILLS können dabei die Dimensionen ‘radikale Gegenwart’ und ‘radikale Würdigung’ der zutiefst menschlichen Fähigkeiten zum Ausgangspunkt pädagogischen Handelns machen und das mit dem Ziel der gesellschaftlichen Handlungsfähigkeit verbinden. Gute Bildung zeichnet sich dann dadurch aus, dass sie Lernende ermächtigt, sich ihrer existenziell verfügbaren Potenziale bewusst zu werden und mit diesen gute, weil für Mensch und Natur verantwortungsvolle und nachhaltige Zukünfte zu gestalten. Für Schulen bedeutet eine solche Ausrichtung, dass sie Teil der Lösung werden - nicht mehr stets beklagtes Problem.
Von der Kraft der Ausrichtung - individuell und kollektiv 
 
Ältestes wie neuestes Menschheitswissen kennt die Kraft, die von der Ausrichtung der Aufmerksamkeit (Atem, Gedanken, Körperwahrnehmung o.a.) ausgeht. Meditation und Kontemplation, heute auch die Schule der Achtsamkeit als Reaktion auf die massive  Zunahme von Stresserleben, nutzen diese DEEP SKILL als tiefe menschliche Fähigkeit, mit der wir auf körperliche wie geistige Prozesse günstig Einfluss nehmen können. Es ermöglicht uns, trotz aller Umstände und Widrigkeiten immer wieder in einen kraftvollen Zustand zu kommen und uns zu verbinden - mit uns und unserem Körper, mit anderen, mit dem, was uns umgibt. In diesem Zusammenhang wird zunehmend von unserem zehnten Hirnnerv, dem Vagusnerv, gesprochen. Seine (fortlaufende) Erforschung auch im Kontext der Traumaforschung hat viele Aspekte der Wirkungen von Aufmerksamkeitsausrichtung aufgezeigt und ihm den Namen “Selbstheilungsnerv” verschafft (siehe dazu auch das gleichnamige Buch von Stanley Rosenberg). Wir können “top down” - willentlich gesteuert mit Gedanken und Wissensimpulsen - oder auch “bottom up” - auf Basis von Körper- oder Atemwahrnehmungen - die Ausrichtung unserer Aufmerksamkeit wählen und so üben, wie wir achtsam auf unser körperliches und emotionales Erleben positiv Einfluss nehmen. 
 
Wir können neben unserer hervorragenden ganzheitlich-körperlichen Grundausstattung, den autonomen Prozessen zur Sicherung des (Über-)Lebens und mit unserer Seins-Qualität der Verbundenheit - in der Neugier und Lernen stets geschehen und Leistung sich in der kreativen (gemeinsamen) Bewältigung kleinster wie komplexester Aufgaben und Herausforderungen zeigt - diese Kraft der Ausrichtung als weitere DEEP SKILL betrachten. Sie hat für Schule und Bildungsprozesse große Relevanz und darf hier eine zentrale Bedeutung erlangen. Die Kraft der Ausrichtung steht allen Menschen in jedem Alter bei entsprechender Heranführung zur Verfügung (vorsprachlich als koregulative Erfahrung, ab Sprachfähigkeit auch selbstregulativ) und ermöglicht das Erleben von Sicherheit, das unerlässlich ist für Lernprozess, in denen wir auf unser Potenzial zugreifen können und nicht in Flucht, Kampf oder Freeze - Reaktionen verbleiben. Der noch recht neue Bereich der  Neuroarchitektur trägt übrigens wichtiges Wissen dazu bei, wie wir ganz konkret Räume für sicheres Lernen gestalten sollten. Wir können uns davon inspirieren lassen.
 
Erkennen wir unsere DEEP SKILLS an und würdigen sie, zeigen wir Respekt für die damit verbundenen Bedürfnisse und gestalten Lernräume und Lernangebote entsprechend sinnvoll und lebensweltnah - mit Rücksicht auf und voller Vertrauen in dieses Potenzial - folgen die weiteren wichtigen Lernbewegungen und Kompetenzentwicklungen ohne die leider in Schule immer noch zu oft üblichen Droh- oder Stresszenarien. Schulzeit als Lebenszeit - nicht gezählt in Stunden, sondern in Wirksamkeitserfahrungen.
 
Schule steht meiner Wahrnehmung nach spätestens seit den Entwicklungen im Zeitalter von KI vor der Aufgabe, relevant zu bleiben, ihre Relevanz für Lernen und (Zusammen)Leben zu erweisen. Wenn wir uns gemeinsam in Schule viel mehr dem zuwenden, was wir schon sind und was wir daraus entwickeln können, wenn wir das immer wieder zum Gegenstand unserer Gedanken, unseres Austauschs und unseres Handelns im Umgangs mit uns selbst und anderen machen, können wir der Atemlosigkeit der Entwicklungen gestärkt begegnen und zukunftsermöglichende Entscheidungen mitgestalten. 
 
Beim Schreiben dieser letzten Sätze fällt mir das lange nicht gehörte kleine Lied von Marshall Rosenberg ein, das einen tiefen Wunsch und eine tiefe Wahrheit über unsere DEEP SKILLS zum Ausdruck bringt - ich teile es sehr gern und zitiere dazu Hilde Domin aus einem ihrer Gedichte "...damit es anders anfängt zwischen uns allen."
Drei Einladungen zum Abschluss 
 
Die Ausrichtung auf unsere DEEP SKILLS kann klein beginnen. Für mich ist es immer wieder "die Hand auf dem Herzen", der 5- Schritt "ISAVA", den ich mir für mich mal entwickelt habe und die 3 Minuten-Mediation von Ursula Lyon. Vielleicht möchtest du sie - allein oder mit anderen - ausprobieren und den Unterschied in deinem Befinden vorher <> nachher erkunden, vielleicht verbunden mit der Frage: Was ist jetzt wichtig und richtig?

Hand auf's Herz

 
Die kleine Geste, sich eine oder auch zwei Hände auf das eigene Herz zu legen, kann eine große Regulationserfahrung sein und dich entspannen sowie in Kontakt mit dir bringen. Wenn Gefühle aufsteigen, die dir nicht angenehm sind: Vertrau darauf, dass es hat einen guten Grund, dass du das gerade spürst - du kannst ihn herausfinden.

I S A V A

In 5 Schritten, die dir jederzeit möglich sind, kannst du in Kontakt mit dir kommen und aus einem Moment der Ruhe heraus wählen, worauf du deine Aufmerksamkeit und Energie richten möchtest.

  • Innehalten - mit einem Atemzug pausieren vom daily business
  • Spüren - meinen Körper, meine Emotionen, meine Gedanken wahrnehmen
  • Akzeptieren - was ist, das ist - ich erlaube dem, was da ist, da zu sein
  • Vertrauen - annehmen, dass es gut und sinnvoll ist, was ich gerade spüre
  • Ausrichten - wählen, was ich mit meiner Aufmerksamkeit jetzt stärken will

3 Minuten Meditation

Diese kleine Meditation von Ursula Lyon eignet sich auch für (fast) jede Zeit und jeden Ort und führt dich in Verbundenheit mit deinem Körper und deiner Mitwelt. Du brauchst nur ein sanftes akustisches Signal nach je einer Minute:

1 Min: Spür achtsam in dich hinein: Wie geht es mir, was spüre und fühle ich?

1 Min: Zähle deine Atemzüge, sanft und ohne etwas zu ändern.
1 Min: Lass deinen Atem in deinen ganzen Körper strömen, dorthin, wo es dir gut tut.
 
Wenn du am Ende der Wirkung nachspürst, kannst du dir noch einen ganz persönlichen fürsorgenden Satz für den Moment gönnen „Möge ich jetzt ….“
DEEP SKILLS in der Schule - eine am Lebendigen ausgerichtete Bildungspraxis 
 
Aus kleinen Momente des Innehalten kann sich mehr entwickeln, aus der bewussten Ausrichtung der Energie auf das, was lebendig ist und sich zeigen möchte, kann eine am Lebendigen ausgerichtete Bildungspraxis werden. 

Dann führt uns die Frage, wie Schule im Zeitalter der KI relevant bleibt, nicht zu noch mehr Tempo, noch mehr Anpassung oder noch mehr Defizitfokussierung. Sie führt uns zurück zu dem, was uns als Menschen ausmacht: zu unserer Körperlichkeit, zu unserer Verbundenheit, zu den tief in uns angelegten Fähigkeiten, die uns tragen – auch und gerade in unsicheren Zeiten. DEEP SKILLS sind kein Gegenentwurf zur technologischen Entwicklung, sondern der Kompass, der uns hilft, darin menschenwürdig und gemeinwohlorientiert zu navigieren und zu agieren. Und die DEEP SKILLS erinnern uns daran, dass Bildung nie nur Wissensvermittlung war, sondern immer die Einladung und Ermutigung, uns selbst und die Welt in ihrer Vielfalt zu begreifen – als lebendige, vernetzte und verantwortungsvolle Wesen.

Eine Schule, die unsere DEEP SKILLS ernst nimmt, ist darum kein Ort, an dem Lernen unter dem Diktat von „schneller, höher, weiter“ steht. Die Ausrichtung am Lebendigen erlaubt mehr Rhythmus als Taktung, mehr Forschung als Vorgabe, mehr Körper als Technik, mehr Neugier und die gemeinsame Suche nach Sinn. Sie ist ein Raum, in dem Sicherheit nicht durch Kontrolle, sondern durch Vertrauen entsteht – in die eigenen Potenziale, in die Kraft der Gemeinschaft und in die Fähigkeit, Herausforderungen kreativ und kooperativ zu begegnen. Schüler:innen können darin erleben, dass nicht nur für die Zukunft gelernt wird, sondern dass die Zukunft gerade jetzt gestaltet wird: als gelebte Verbundenheit mit uns selbst, mit anderen und mit dem, was uns umgibt.

#DEEP SKILLS

Meine Impuls zu den DEEP SKILLS will keine fertige Antwort sein, sondern eine Einladung – zum Weiterdenken, zum Ausprobieren, zum gemeinsamen Erleben.

Ich freue mich daher, wenn ihr den Hashtag #DEEP SKILLS, nutzen wollt und wir darüber Erfahrungen teilen, konkrete Praktiken entwickeln und uns selbst immer wieder kritisch die Frage stellen: Ermögliche ich mit meinem Handeln in der Schule, dass wir uns selbst und unsere Welt immer besser verstehen und wir gemeinsam eine l(i)ebenswerte Zukunft gestalten?

Es geht es ja nicht darum, was wir können müssen, um zu bestehen. Es geht darum, wer wir sein wollen – als Individuen und als Gesellschaft. Diese Frage ist es wert, dass wir uns Zeit nehmen. Zeit, um innezuhalten. Zeit, um zu spüren. Zeit, um uns auszurichten. Auf das, was wirklich zählt.

 
Literatur und Menschen, die mich inspiriert haben und inspirieren (unsortiert  & unvollständig)
  • Williges Jäger
  • Lisa Miller
  • Verena König
  • Thomas Metzinger
  • Daniel Schreiber
  • Giulia Enders
  • Jack Kornfield
  • Daniel Siegel
  • Marc Uwe Kling
  • Wolf Lotter
  • Gunter Schmidt
  • die KOGI
  • Richard Rohr
  • Bell Hooks
  • Byung-Chul Han
  • Wolf Singer
  • Louisa Neubauer
  • Jan und Aleida Assmann
  • Rutger Bregmann
  • Hilde Domin
  • Erich Fromm
  • Sebastian Klein
  • Ursula Lyon
  • Ilan Stephani
  • Astrid Lindgren
  • Aladin El Mafaalani
  • Gabor Mate
  • Maja Göpel
  • Thich Nhat Han
  • Armin Nassehi
 
 
 
und hier das Ergebnis, wie das KI MODELL MISTRAL meine Gedanken noch einmal ganz anders wiedergab  ...
 
Deep Skills beschreiben tief in uns verwurzelte, verkörperte und einzigartige menschliche Fähigkeiten, die unser Denken, Handeln und Zusammenleben prägen. Sie umfassen körperliche, emotionale, soziale und existenzielle Dimensionen, die nicht nur unser Überleben sichern, sondern uns als Menschen ausmachen. Im Gegensatz zu oberflächlichen oder rein kognitiven Kompetenzen sind Deep Skills grundlegend für Resilienz, Sinnstiftung und die Gestaltung von Beziehungen und Gesellschaft.
 1. Körper und verkörperte Erfahrungen
Der menschliche Körper ist nicht nur ein biologisches System, sondern das Fundament unseres Erlebens und Lernens. Forschung zur Embodied Cognition (verkörperte Kognition) zeigt, dass Denken, Fühlen und Handeln untrennbar mit körperlichen Prozessen verbunden sind.
Grundlegende Körperfunktionen und -empfindungen:
Atem, Herzschlag, Berührung und Bewegung sind nicht nur physiologische Abläufe, sondern Grundlagen von Selbstwahrnehmung und Regulation. Die Fähigkeit, körperliche Signale bewusst wahrzunehmen (Interozeption), ist zentral für Stressbewältigung, emotionale Intelligenz und Entscheidungsfindung. Der Vagusnerv spielt dabei eine Schlüsselrolle, da er die Verbindung zwischen Körper und Psyche reguliert – etwa bei der Anpassung an Stress oder in sozialen Interaktionen. 
Ganzheitliches Erleben:
Gesundheit, Krankheit, Müdigkeit oder körperliche Anstrengung prägen unsere Erfahrungen und Lernprozesse. Diese leiblichen Erfahrungen sind konstitutiv für Resilienz, etwa beim Erlernen handwerklicher Fähigkeiten, wo Fehler nicht nur kognitiv, sondern auch körperlich verarbeitet werden müssen. 
Neuroplastizität und verkörperte Intelligenz:
Lernen ist ein embodied process: Motorische Aktivitäten, Sinneswahrnehmung und Emotionen beeinflussen unsere kognitiven Fähigkeiten. Die Fähigkeit, durch Bewegung, Berührung oder Handeln Wissen zu generieren, ist eine grundlegende menschliche Intelligenz, die sich aus der Wechselwirkung von Körper und Umwelt speist. 
2. Bewusstsein, Subjektivität und Sinn
Menschliche Intelligenz ist untrennbar mit Subjektivität und Selbstwahrnehmung verbunden. Deep Skills in diesem Bereich ermöglichen es uns, uns selbst zu verstehen und Sinn zu stiften.
 Selbstwahrnehmung und Ich-Bewusstsein:
Die Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren, eigene Werte zu hinterfragen oder Entwicklungswünsche zu formulieren, setzt ein bewusstes Ich voraus. Dies umfasst auch die Ambiguitätstoleranz – die Fähigkeit, Widersprüche und Ungewissheit auszuhalten, ohne in Handlungsunfähigkeit zu verfallen.
 Intuition und implizites Wissen:
Viele Entscheidungen basieren auf implizitem Wissen (Polanyi, 1966), das sich aus verkörperten Erfahrungen speist. Dies umfasst etwa die Fähigkeit, „auf den Bauch zu hören“ oder in komplexen Situationen handlungsfähig zu bleiben. Dieses Wissen ist kontextgebunden und nicht rein rational abbildbar.
 Zielsetzung und Intentionalität:
Menschen haben Ziele, sie können sich Ziele setzen und diese nicht nur verfolgen, sondern auch anpassen, aufgeben oder neu definieren – etwa in kreativen Prozessen, bei der Bewältigung von Krisen oder im Spiel. Diese Intentionalität ermöglicht offene, nicht-lineare Entwicklungen, die über reine Zweckerfüllung hinausgehen.
 Umgang mit Unklarheit und Scheitern:
Scheitern, Scham oder Buße sind keine Störfaktoren, sondern notwendige Elemente von Lernen und menschlicher Entwicklung. Die Fähigkeit, negative Erfahrungen zu integrieren, erfordert körperliche und narrative Prozesse. Nur so können Krisen als Chancen für Wachstum begreifen werden.
 3. Beziehungen und soziale Kompetenz
Menschliche Intelligenz ist relational – sie entsteht und entfaltet sich in Beziehungen. Deep Skills in diesem Bereich umfassen:
 Empathie und Beziehungsgestaltung:
Fürsorge, Konfliktlösung oder Versöhnung basieren auf emotionaler Resonanz und der Fähigkeit, Beziehungen aktiv zu gestalten. Diese Kompetenzen sind nicht nur für das individuelle Wohlbefinden entscheidend, sondern auch für soziale Kooperation
Kollektives Lernen und Verbundenheit:
Lernen vollzieht sich in sozialen Kontexten – durch Rituale, Symbolik und geteilte Praxis. Studien zeigen, dass Heilung und Entwicklung in Beziehung stattfinden (van der Kolk, 2014). Dies gilt nicht nur für traumatische Erfahrungen, sondern für alle Formen des Lernens. 
Ethisches Bewerten und Handeln:
Ethische Entscheidungen erfordern Kontextsensitivität und Mitgefühl. Sie basieren auf leiblicher und emotionaler Erfahrung und können nicht auf regelbasierte Analysen reduziert werden.
4. Kreativität, Spiel und Gestaltungswille
Zielloses Handeln und Spontaneität:
Spiel, Langeweile oder „Nichts-tun“ sind Voraussetzungen für Kreativität (Csikszentmihalyi, 1990). Sie ermöglichen exploratives Lernen, das nicht an externe Ziele gebunden ist, sondern aus innerer Motivation und Neugierde entsteht.
Gestaltungskompetenz:
Ob im Erzählen von Geschichten, im Musizieren oder im Bauen – menschliche Gestaltungsprozesse sind offen, experimentell und sinnorientiert. Sie erfordern Intentionalität und die Bereitschaft, Ungewissheit zuzulassen. 
5. Spiritualität, Kontemplation und Stille
Achtsamkeit und bewusste Pause:
Die Fähigkeit, innezuhalten, ist eine Gegenbewegung zur Beschleunigung. Körperwahrnehmung – etwa durch Meditation oder Atemübungen – unterstützt die Integration belastender Erfahrungen und fördert Resilienz und Klarheit.
Die Bedeutung von Deep Skills für Bildung und Gesellschaft
Deep Skills sind keine „Zusatzkompetenzen“, sondern die Grundlage für menschliche Entwicklung und Gemeinschaftsfähigkeit. Wenn Bildungseinrichtungen diese Fähigkeiten fördern, können sie zwei zentrale Funktionen erfüllen:
 1. Bewusstmachung menschlicher Potenziale:
Lernenden helfen, ihre einzigartigen Fähigkeiten wahrzunehmen – inklusive der Akzeptanz von Krisen, Umwegen und Scheitern als Teil von Entwicklung.
 2. Ermutigung zur aktiven Gestaltung / Selbstermächtigung:
Die Auseinandersetzung mit den Deep Skills und die Pflege der DS ermöglichen es, nicht nur auf Veränderungen zu reagieren, sondern sie mitzugestalten – sei es durch ethische Reflexion, kreative Problemlösung oder soziale Innovation.
 
Fazit
Die Förderung von Deep Skills ist keine Rückbesinnung auf „traditionelle Werte“, sondern die Anerkennung dessen, was uns als Menschen ausmacht. Eine Bildung, eine Schule, die diese Fähigkeiten würdigt und stärkt, schafft die Voraussetzungen für eine Gesellschaft, in der Technologie dem Menschen dient – und nicht umgekehrt. Sie ermöglicht es, bewusst, verantwortungsvoll und gestaltend zu handeln, statt sich von äußeren Dynamiken treiben zu lassen.