"Ich hüte die Stille - die Stille hütet mich"
In der vergangenen Woche hatte ich das Glück, sieben Tag auf einem Retreat in den Chiemgauer Bergen verbringen zu können. Das Zitat eines Teilnehmers legt für mich eine Spur zu unseren DEEP SKILLs, die besonders in der Stille wahrgenommen und gestärkt werden können.
Die gemeinsame Woche war gestaltet mit Phasen für inneres Erforschen, Körpererleben im Qigong, für Austausch und immer wieder: für Stille. Dabei bekam der Natur neben der Gemeinschaft ein besonderer Raum zu. Wir konnten uns den Themen zuwenden, die in uns, ganz individuell, lebendig waren. Und wir erforschten sie dialogisch in den Dimensionen Verstehen, Imagination und Körperausdruck. Die Verbindung von kognitiv-sprachlichem, imaginativ-seelischem und körperlich-gestaltendem Ausdruck eröffnete neue Ebenen des Verstehens der Themen und ließen unerwartete Ideen und Lösungsbilder entstehen. Dabei verhalf die Verkörperung der inneren Lösung zu einer Verstärkung und Bekräftigung der erwünschten Veränderung. Die Begleitung des eigenen Erforschens durch die einfühlende Präsenz und Aufmerksamkeit eines anderen Menschen ließ dabei einen sicheren Raum entstehen.
Die besondere Verbindung des mehrdimensionalen Erforschens mit der einfühlenden Präsenz eines anderen Menschen war eine sehr besondere Erfahrung für mich. Auf einer tiefen Ebene meines Wesens fühle ich mich gestärkt, denn ich wurde mir nicht nur meiner Fähigkeiten und Wünsche bewusst, ich verkörperte sie, zeigte sie und fand Worte dafür. Und mein Gegenüber war da und bezeugte das.
Diese Arbeit, für die Raum und Zeiten in Stille elementar wichtig sind, bedeuteten eine besondere Erfahrung der DEEP SKILLs, meiner und unserer DEEP SKILLS.
Ich habe in diesem Artikel angesichts des aktuellen KI Diskurses geschrieben, was ich unter DEEP SKILLs verstehe und warum ich ihre Beachtung gerade in dieser Zeit für so zentral halte. Ich möchte sie hier noch einmal zusammenfassen und die Bedeutung der Stille für ihre Würdigung, Wahrnehmung und Stärkung benennen.
Wir sind ausgestattet mit DEEP SKILLs, die uns im Leben begleiten, dazu gehören
- Körperlichkeit
- Wir haben als eine ganzheitlich-körperliche Grundausstattung einen Körper, der Balance- und Interaktionskünstler ist und in dem das Gehirn die perfekt
- Nervensystem
- Wir sind geschützt durch die
- Potenzial und darin liegen unsere Grenzen - weil wir gebender und nehmender Teil von kleineren oder größeren Gemeinschaften bis hin zum Kosmos sind, auf die wir uns in aller Unverfügbarkeit des Lebens verlassen können, von denen wir abhängig sind.
- Ausrichtung
- Wir verfügen über die Kraft der Ausrichtung und können “top down” - willentlich gesteuert mit Gedanken und Wissensimpulsen; wir können die Ausrichtung unserer Aufmerksamkeit wählen und so üben, wie wir achtsam auf unser körperliches und emotionales Erleben positiv Einfluss nehmen und damit auch verantwortlich und konstruktiv den Kontakt mit anderen Menschen und unserem Kontext gestalten.
Räume und Erfahrungen von Stille ermöglichen mir den Zugang zu diesen DEEP SKILLs, die mich wiederum stärken für die Herausforderungen des Alltags, um mich nicht einfangen zu lassen von vermeintlichen Zwängen oder Handlungslogiken, die mir und anderen schaden. Dabei geht es um mehr als um "Momente der Ruhe"; Ruhe ist eine förderliche Bedingung für Stille, die sich jenseits dessen finden lässt, wo mein Verstand und wo meine Sinnesorgane mich leiten. Es ist der innere Raum, der sich dann öffnet.
Hier werde ich mir wieder all der faszinierenden Körperprozesse gewahr, die in mir wirken, denn ich spüre das feine Gleichgewicht und den Rhythmus in Atem, Herzschlag, Zellen; ich erlebe was echtes Sicherheitserleben ist und kann differenzieren zwischen den Statūs und bemerken, ob bzw. wie oft ich eher im Gefahrenerleben denn in Sicherheit bin; ich erlebe die Verbundenheit in mir, mit denen und mit dem, was mich umgibt, fühle Dankbarkeit, Freude und auch Demut für die Dimensionen, die mich umgeben - und in all dem finde ich und habe ich Raum für eine bewussten Ausrichtung, die mich stärkt, mit dem Fokus auf meinen Körper, auf meinen Atem, auf ein Mantra - auf etwas, das mich erdet und verbindet und das mir eine friedvolle und freundliche Zuwendung zur Welt ermöglicht.
In der Stille, in der ich offen werde für das, was in mir ist, erlebe ich wieder, dass Körper und Seele fühlbar sind und zu mir "sprechen" über innere Bilder, Körperempfindungen, Bewegungsimpulse. Darin liegen, wie ich es letzte Woche wieder so intensiv erleben durfte, Lösungen für das, was mich gerade beschäftigt, für das, was mich und uns gerade herausfordert im Innen und Außen:
"We are living in challenging times on so many fronts. ...Yet so much that we face requires an inner compass to keep us steady, being open to the world's conflicts, and holding on to the relationships that enable us to thrive... With curiosity and compassion, we can notice the patterns that shape our perceptions and gently open space for growth." Dan Siegel, 03.2026
Es ist im Alltag für mich nicht leicht, den Raum der Stille zu finden. Ich habe mir daher in meiner Wohnung einen Platz eingerichtet, der, wenn ich vorbeigehe, zum Innehalten und Sitzen einlädt. Wo Decke und Yogakissen bereit sind, ebenso Natursymbole und eine Kerze. Ich erinnere mich dann an die Kraft der Stille und folge der Einladung, mal nur wenige Minuten, mal mehr. Und ich beginne wieder, die Stille zu hüten - damit sich mich hütet, damit ich mir meiner selbst und meiner DEEP SKILLs in nährender Weise bewusst werde.
Der Buddhismus spricht von Anfängergeist, mit dem wir dem Leben begegnen können - das Coaching nennt es lethologische Grundhaltung, in der wir (versuchen dürfen), einem Kunden/einer Kundin zu begegnen: Es ist die Haltung des Nicht-Wissens, der Offenheit, der Bereitschaft zum lernenden Zuhören und zur Präsenz, in der ich mich dem, was ist, öffne und in der ich meine Konzepte, Meinungen und Vorerfahrungen beiseite stelle, um Raum zu schaffen für das, was in uns lebendig ist und das Ausdruck sucht, Unterstützung oder Hilfe braucht.
Dieses Bild des Anfängergeistes passt für mich für jeden Moment, in dem ich mich setze und die Stille aufsuche.
In diesem Sinn teile ich zum Abschluss ein Lied des polnischen Sängers Marek Grechuta - und lade ganz bewusst ein zu einem Schritt hinaus aus der Stille. In seinem Song "Am wichtigsten sind die Tage, die noch unbekannt sind" besingt er die Kraft, die im Offenen liegt, in der Bereitschaft, ins Offene zu gehen und daraus auch Hoffnung zu schöpfen, ganz persönlich und - für Grechuta - ganz besonders auch gesellschaftlich. Vielleicht hast du Lust, hineinzuhören:
"Dni, których nie znamy" - https://open.spotify.com/intl-de/track/1OrQTsLlcOJRM27CAj0AGd?si=43c90ccad23c4289
