Kontrollverlust? Kontrollillusionsverlust!

Wie uns ein Missverständnis in unserem pädagogischen Verantwortungsgefühl daran hindert, die eigentlichen Chancen für Lernende und für das Lernen selbst zu nutzen.

Neue Wege zu gehen und als Kompass für die eigene pädagogische Arbeit wie für die schulische Arbeit die Bedürfnisse, Anliegen und drängenden Fragen oder Sorgen der Lernenden zu wählen - das fühlt sich für viele wie ein Wagnis an, weil die Steuerung über Inhalte, Ziele und orientierende Vorgaben in den Hintergrund tritt. Dabei wäre dies der Weg zu nachhaltigem Lernerfolg und wird daher in den einschlägigen Lern- und Schulstudien einhellig gefordert.

Ich höre oft, dass Lehrkräfte oder Schulleitungen bei mehr Orientierung an den Interessen und Wünschen von Lernenden einen massiven Kontrollverlust fürchten und dass sie Angst haben, ihrer Verantwortung dann nicht mehr gerecht werden zu können, weil Stoffplan und Arbeiten, Klausuren und Abschlüsse in Gefahr stünden. Eine Öffnung für das, was die Lernenden bewegt, erscheint wie der Verlust einer haltgebenden Sicherheit.

Dieses Sicherheitsgefühl ergibt sich aus der Annahme, die Situation zu kontrollieren. Sicherheit gibt dabei das Gefühl, den Weg zu steuern, gibt der Glaube, dass das vorbereitete Angebot von Inhalt, Weg und Stationen von allen Lernenden mitgegangen wird. Es ist die gefühlte Wirklichkeit, dass das eigene Steuern einer Unterrichtsstunde oder -sequenz über den Lernprozess der Lernenden entscheidet. Und natürlich ist es das Gefühl von Verantwortung, wenn an diesem Verständnis festgehalten wird. Denn wir möchten, dass Schüler:innen erfolgreich sind und letzendlich mit einem guten Schulabschluss in ihr Leben treten.

Meiner Wahrnehmung nach entwickelt sich in der Folge dieses Verantwortungsverständnisses aber bedauerlicherweise eine Dauerschleife von Fremdsteuerung und begrenzten Lernerfolgen, weil Selbstwirksamkeitserfahrungen und die Entwicklung einer inneren Ausrichtung auf bzw. eine Beziehung zu den Lerninhalten für die Mehrheit der Lernenden deutlich erschwert oder sogar unmöglich gemacht wird.

Wie kann das scheinbare Dilemma und die vermutete Unvereinbarkeit von "Ich folge meinem pädagogischen Auftrag" und "Ich öffne meine Lernräume und -angebote für Ideen und Anliegen der Lernenden" begegnet werden?

Vielleicht ganz einfach mit einer simplen, aber relevanten Wahrheit:

Es ist kein Kontrollverlust - es ist ein Kontrollillusionsverlust. 

Es lernt immer einzig und allein der oder die Lernende. Kein perfekter Stundeneinstieg, keine noch so präzise geplante didaktische Konzeption, keine ausgefeilte Feedbackkultur garantieren auch nur für 1%, dass der angebotene und gewünschte Lernprozess oder Lernerfolg gelingt. Es gibt bei Menschen, mit Menschen, in lebendigen Systemen überhaupt (und damit auch in der Schule...) keine linearen Prozesse, keine linear zu steuernden Prozesse: Wir stehen ständig und immer wieder  in kontextbezogenen, dynamischen Wechselwirkungen, in der kausale Wirkketten nicht zu etablieren sind.

Die Kontrolle, die ich abgebe, ist daher nicht die über den Lernprozess der Kinder, Jugendlichen oder jungen Erwachsenen.

Die vermeintliche Kontrolle, die ich abgebe, ist vielmehr das Aufgeben meiner Strategie, mit einem Versuch von Kontrolle mit einer sehr herausfordernden Situation umzugehen, nämlich mit der Situation grundsätzlicher Offenheit und Unsicherheit, die die Zusammenarbeit mit Menschen immer prägt.

Der vermeintliche Kontrollverlust ist deshalb ein Kontrollillusionsverlust, weil ich bei ehrlichem Hinschauen die Illusion einer Kontrolle über das, was geschieht, nur aufgeben kann. Ich hatte eine solche Kontrolle nie und ich werde sie nie haben. Pointiert könnte man mit Gunther Schmidt sagen "Wer führt, wird geführt - und zwar von denen, die man führen will." Versuche, mit Mitteln von Angst oder (Noten-)Druck das Verhalten von Lernenden zu steuern, ändern daran nichts, auch wenn diese oft letzte hilflose Bemühung im schulischen Kontext vermeintlich "Wirkung" zeigt, wenn Schüler:innen sich an Vorgaben anpassen.

Anstatt also (leider oft noch übliche) schulische Wege weiterzugehen, die nachweislich eine hohe gesundheitliche Last und Gefährdung für Schüler:innen darstellen (s. Das Deutsch Schulbarometer 2026), kann ich mich der Einsicht der fehlenden Kontrolle stellen - und mich dann meiner eigentlichen Unsicherheit oder Angst zuwenden, auf die ich Antworten brauche. 

Der Angst, einer Situation nicht gewachsen zu sein, die aber Alltag in Schule ist oder sein sollte: Einer Situation, in der ich die radikale Würde jedes:r Lernenden ernst nehme und dem natürlichen Streben der Lernenden nach Autonomie Raum gebe. Einer Situation, in der ich akzeptiere, dass ich nicht weiß, was geschehen wird. Einer Situation, in der ich respektiere, dass nichts im Lernen der Schüler:innen von mir geleistet werden kann. Eine Situation, in der ich anerkenne: Es ist allein ihr Prozess, ihre Leistung, ihr Erfolg, ihr Misserfolg.

Dann kann ich neu Kontakt treten mit meiner Verantwortung als Lehrkraft und Pädagog:in, die für jeden Moment meines pädagogischen Handelns gilt und die auf die Ermächtigung der Lernenden für eine gelingende Teilhabe in der Gesellschaft zielt (hier exemplarisch das Hessische Schulgesetz, HSchG § 2, 2-5)

„Nichts kann den Menschen mehr stärken, als das Vertrauen, das man ihm entgegenbringt.“ (Adolf von Harnack)

Meine Verantwortung liegt eben nicht darin und erschöpft sich nicht darin, dass meine Schüler:innen ihren Abschluss schaffen - das tun sie selbst, oder sie tun es auch nicht. Meine Verantwortung liegt darin, dass ich ihnen - im Vertrauen auf ihre Fähigkeit dazu - hierfür die nötige und mögliche Orientierung gebe, dass ich die bestmöglichen Lerngelegenheiten gestalte und erhalte, dass ich die Schüler:innen unterstütze, ihre Verantwortung für das Lernen zu erkennen, zu nutzen und zu tragen, dass ich die Herausforderungen vielfältig, attraktiv und (in auch kollaborativen Prozesseb) bewältigbar gestalte und dass ich die Lerngemeinschaft und die Lernkultur zeitgemäß und unterstützend ausrichte. Und es gehört auch dazu, um der Vielfalt und Unplanbarkeit gerecht zu werden, die mir immer und in jeder Lerngruppe begegnet, dass ich mich in diese Lerngemeinschaft selbst als Lernende hineinbegebe. Denn natürlich bedeutet das Loslassen der Kontrollillusion nicht "Nichtstun" oder "Geschehenlassen". Meine Verantwortung ist die bestmögliche Vorbereitung, Gestaltung und Begleitung - in aller Offenheit und Bereitschaft für das Unerwartete, was mich weiter lernen lässt.

Dann wird es im mehrfachen Wortsinn spannend:

  • Spannung - denn ich weiß nicht, was bei wem wie und wann geschieht.
  • Spannung - denn ich muss im Sinne einer Hinschaudidaktik, wie Christof Arn gern sagt, ganz wach sein für das, was gerade geschieht und was daher jetzt (nicht) gebraucht wird. 
  • Spannung - denn ich bin selbst wieder ganz nah am Lernen dran und erlebe die damit verbundene Aufregung, Mühe, Neugier und Bewegung.

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass allein das Erkennen der Kontrollillusion ("wenn ich..., dann wird...") eine tiefe Veränderung ermöglicht. Weil ich einen Schritt zurücktrete, weil ich die Verantwortung für das Lernen bei den Lernenden lasse, weil ich mich neu ausrichte und sich mit jeder Frage und jeder Antwort der Lernenden (z. B. darauf, wie es ihnen geht, was sie gerade interessant finden, wovor sie Angst haben, was sie sich wünschen, wo/woran/mit wem sie gern (weiter) lernen würden), die gemeinsam Arbeit lebendig, interessant, vielschichtig und immer freudvoller gestaltet. Und ja - entgegen aller Sorgen: ohne Leistungsminderungen oder -abbrüche. Im Gegenteil.

Ein Gedicht, das mich in meiner eigenen Entwicklung begleitete und das mir bis heute immer dann Mut macht, wenn ich angesichts einer mich verunsichernden Situation wieder in alte Strategien von Kontrolle und Steuern einsteigen will, stammt von Hilde Domin:

"Ich setzte den Fuß in die Luft
und sie trug"

 

Es erinnert mich daran, dass es unverfügbar ist und bleibt, was in anderen Menschen geschieht und was zwischen uns Menschen geschieht. Und es macht mir Mut, dass ich in dieser Ungewissheit nicht verloren bin, sondern gehalten. Ich darf den Wunsch nach Kontrolle loslassen, ebenso wie meine Kontrollillusion - indem ich in die Situation und in die Menschen vertraue und mich darin in bester und nicht aufzugebender pädagogischer Verantwortung führen lasse. 

Ergänzend noch ein Hörtipp für die hier (auch) zugrundliegende systemische Haltung, die für Schule und Lernen so wünschenswert ist / notwendig wäre:

Dr. Gunther Schmidt zu Gast im Podcast "Good Work" (Folge 231, 02.04.2026)

https://open.spotify.com/episode/5qjKCTA9uqjWrz2B3bdyDZ?si=kRxm7nmUT7aUEtSrFxXHsA