Würdige ich die Würde jedes Menschen? Ein Selbstversuch
Timothy Shriver (....) entwickelte mit seinem Diginity Score ein faszinierendes und herausforderndes Instrument, das ich jeden Tag nutzen kann zur Selbstreflexion meines Denkens, Fühlens und Handelns. Ich habe es erprobt - hier meine Erfahrungen
Der DIGNITY INDEX ist eine achtstufige Skala, die mir hilft einzuschätzen, wie ich mich verhalte, wenn ich anderen Menschen, Meinungen, Haltungen und Verhaltensweisen begegne. Jeder Skalenpunkt steht für eine bestimmte Einstellung gegenüber der anderen Seite, von EINS – der anderen Seite wird jegliche Würde abgesprochen – bis ACHT - die Würde in jedem Menschen ist anerkannt - egal, welches Verhalten gezeigt wird. Bis Stufe 4 ist die Haltung von Verachtung geprägt, ab Stufe 5 von der Anerkennung von Würde.
In einem Leitfaden werden die Stufen erläutert und - was besonders hilfreich ist - jede Stufe wird mit Beispielen jeweils zur vorigen und folgenden Stufe abgegrenzt, das heißt, ich sehe sehr präzise die Unterschiede, die sie für Denken und Handeln bedeuten und kann mich darum einordnen.
Mit etwas Übung konnte ich die Skala in jedem Moment nutzen und habe dabei zunehmend mir oft unbewusste Reaktionen und Denkmuster identifiziert. Spoiler: mein Selbstbild war positiver als die Wirklichkeit...
Aber zunächst ein Blick auf die Stufen der Skala. Das englische Original ist auf der Seite des Dignity Score Project downzuloaden.
Stufe 1
- glaubt an die eigene Rechtschaffenheit und an die lebensbedrohliche, unmenschliche Bosheit der anderen Seite.
- fühlt sich tugendhaft und heldenhaft, wenn sie zu Gewalt aufruft und diese ausübt.
- kann den Schmerz von Schuldzuweisungen oder Kritik nicht ertragen und hält den Tod von Kritikern für angemessen
Überzeugung: Die anderen sind nicht menschlich. Die haben kein Recht zu leben. Sie zerstören uns. Wir haben die moralische Pflicht, sie zu vernichten, bevor sie uns vernichten.
Was unterscheidet Stufe 1 von Stufe 2?
- 1: „nur wir und nicht sie“. 2: „wir oder sie“.
- 1: die andere Seite ist unmenschlich, „zerstört uns“ und muss daher angegriffen, getötet oder beseitigt werden.
- 2: die andere Seite ist böse und wird „uns ruinieren, wenn wir sie lassen“, ruft aber nicht zu Gewalt auf oder übt sie aus.
Stufe 2
- betrachtet die andere Seite als existenzielle Bedrohung.
- spricht davon, sich abzuspalten oder in ein anderes Land zu ziehen, um „diesen Leuten“ zu entkommen.
- erzählt Geschichten, die die „Bosheit der anderen Seite beweisen“.
- sehnt sich danach, die andere Seite leiden zu sehen, damit sie „endlich bekommt, was sie verdient“.
Überzeugung: Diese Leute sind böse. Sie werden unser Land ruinieren, wenn wir sie lassen. Es ist wir oder sie. Es sind nicht nur schlechte Menschen; sie fördern das Böse. Diese Leute sind eine Gefahr für alles, was uns wichtig ist.
Was unterscheidet Stufe 2 von Stufe 3?
- ZWEI ist „wir oder sie“. DREI ist „wir gegen sie“.
- 2: „Das sind böse Menschen, die uns ruinieren wollen. Sie sind eine existenzielle Bedrohung.“
- 3: „Das sind schlechte Menschen, die uns verletzen wollen.“
Stufe 3
- greift die andere Seite persönlich an, zielt auf Leistung, Kompetenz, Aussehen, Hintergrund, Charakter oder Moral ab.
- möchte die andere Seite schwächen und zum Scheitern bringen.
- schreibt sich selbst alle guten Eigenschaften zu und der anderen Seite alle schlechten.
- nimmt sich die Lorbeeren für positive Ergebnisse und gibt der anderen Seite die Schuld für negative.
Überzeugung: Sie blicken auf uns herab und verspotten unsere Werte. Diese Leute hassen uns und wollen uns verletzen.
Was unterscheidet Stufe 3 von Stufe 4?
- DREI ist „wir gegen sie“. VIER ist „wir und sie“ – aber nie „wir gemeinsam“.
- 3 wendet sich gegen die andere Seite, greift die andere Seite persönlich an, verachtet die andere Seite;
- 4 wendet sich von der anderen Seite ab, meidet sie, ignoriert sie.
Stufe 4
- ignoriert die andere Seite, als wäre sie es nicht wert, mit ihr zu sprechen.
- leugnet Gemeinsamkeiten, betont Unterschiede, spielt gemeinsame Interessen und Werte herunter.
- wird die Position des Gegners umdeuten oder umbenennen, um sie unattraktiv klingen zu lassen (könnte niedriger als VIER sein, je nachdem, was die Umdeutung impliziert).
Überzeugung: Wir sind besser als diese Leute. Die gehören nicht wirklich dazu. Die teilen unsere Werte nicht. Die arbeiten für diese Leute, nicht für uns. Wir meiden diese Leute. Die sind anders. Wir haben nicht viel gemeinsam.
Was unterscheidet Stufe 4 von Stufe 5?
- 4 bevorzugt es, getrennt zu bleiben und Diskussionen zu vermeiden.
- 5 spricht offen, erklärt seine Ziele, erläutert seine Ansichten, hört bewusst zu – und zeigt niemals Verachtung.
- Ab FÜNF (und höher) basieren Kritikpunkte an der anderen Seite auf Fakten, Entscheidungen, Handlungen und Ergebnissen.
Stufe 5
- spricht offen und erklärt seine Ansichten, aber niemals mit Verachtung.
- hört der anderen Seite aufmerksam und aufrichtig zu, ohne Verachtung zu zeigen.
- stellt die andere Seite aufgrund von Fakten, Handlungen, Entscheidungen und Ergebnissen infrage, niemals mit Beleidigungen oder negativen Etiketten.
Überzeugung: Die andere Seite hat das Recht, hier zu sein und gehört zu werden. Sie gehört auch hierher. Ich werde mir anhören, was sie zu sagen hat. Ich teile meine Ansichten ohne Verachtung, damit sie leichter gehört werden können
Was unterscheidet Stufe 5 von Stufe 6?
- 5 spricht offen und hört respektvoll zu, sucht aber nicht nach gemeinsamer Basis mit der anderen Seite.
- 6 glaubt, dass sie die Pflicht haben, mit der anderen Seite zu sprechen, gemeinsame Interessen und Werte zu finden und diese als Grundlage für Zusammenarbeit zu nutzen.
Stufe 6
- kann das Gute in der anderen Seite sehen und wird deren Fähigkeiten und Leistungen anerkennen.
- empfindet es als tief befriedigend, mit der anderen Seite zusammenzuarbeiten.
- fühlt Zuneigung zu ihren Partnern auf der anderen Seite; sie sind stolz auf die Beziehung und empfinden sie als etwas Besonderes.
Überzeugung: Wir haben mehr gemeinsam, als wir denken. Wir sprechen mit der anderen Seite und suchen nach den Werten und Interessen, die wir teilen, und nutzen sie als Grundlage für Zusammenarbeit. Wir lassen nicht zu, dass unsere Meinungsverschiedenheiten uns davon abhalten, in den Dingen zusammenzuarbeiten, in denen wir uns einig sind.
Was unterscheidet Stufe 6 von Stufe 7?
- 6 geht auf die andere Seite ein, zieht sich aber bei starken Meinungsverschiedenheiten zurück. 6 hinterfragt nicht die Möglichkeit, selbst falsch zu liegen oder zum Problem beizutragen.
- 7 ist bereit, falsch zu liegen, und es schmerzt sie nicht, ihre Ansichten kritisiert zu hören. Wenn sie auf Konflikte stoßen, hören sie weiter zu.
Stufe 7
- kann aufrichtige Entschuldigungen anbieten und Vergebung gewähren, selbst nach schmerzhaften Konflikten.
- besitzt viel Demut, insbesondere die Fähigkeit, selbstkritisch zu sein, Fehler einzugestehen und sogar zu überlegen, wie sie selbst zum Problem beitragen könnten.
- durchschaut das Polarisierungsspiel. Wenn andere versuchen, Wut zu schüren und Menschen gegeneinander aufzubringen, weist sie darauf hin und rät anderen, nicht darauf hereinzufallen.
- wird Verachtung herausfordern, um die Würde von jemandem zu verteidigen, der dämonisiert wird.
Überzeugung: Ich möchte unsere Meinungsverschiedenheiten besprechen, weil ich offen dafür bin, meine Meinung zu ändern. Vielleicht liege ich falsch. Ich bin neugierig darauf, was Menschen durchgemacht haben und wie sie zu ihren Überzeugungen gekommen sind. Ich bin bereit, Kritik von meiner eigenen Seite zu akzeptieren, weil ich mit der anderen Seite zusammenarbeite.
Was unterscheidet Stufe 7 von Stufe 8?
- 7 kann den Schmerz ertragen, kritisiert zu werden; kann die Würde der anderen Seite verteidigen, selbst wenn es sie die Zugehörigkeit kostet
- 8 kann den Schmerz ertragen, gehasst zu werden, kann die Würde der am meisten Dämonisierten verteidigen, selbst wenn es sie in Gefahr bringt.
- 8 ist ein vollständigerer Ausdruck der Liebe, Demut und Fähigkeit zur Selbstkritik, die in 7 aufkeimt.
Stufe 8
- kann auf Verachtung reagieren, indem sie die andere Person mit Würde behandelt. So lieben sie ihre Feinde.
- hat kein Gefühl moralischer Überlegenheit. Sie blicken auf niemanden herab.
- wird die Würde der am meisten Dämonisierten verteidigen, selbst wenn es sie in Gefahr bringt.
- glaubt, dass wir Menschen untrennbar sind – ein Körper mit vielen Teilen – und dass wir die Dinge nur verschlimmern, wenn wir versuchen, uns voneinander zu distanzieren.
- möchte Probleme lösen, ohne eine bestimmte Herangehensweise zu verlangen. Sie wollen Lösungen, die die Würde jedes Menschen schützen, und es ist ihnen egal, wer die Anerkennung erhält.
Überzeugung Jeder Mensch wird mit angeborener Würde geboren, also behandle ich jeden mit Würde, egal was passiert. Ich verurteile niemanden. Wenn ich gelitten hätte, was sie gelitten haben, hätte ich vielleicht dasselbe getan.
Wie geht es dir beim Lesen der Stufen und der Beispiele, ebenso wie der Unterschiede zwischen den Stufen? Was denkst du zu dir und deinem Verhalten, welche Stufe kennst du? Warum stehst du dort? Was würde dir helfen, eine Stufe weiter Richtung Würde zu gelangen?
Mich begeistert die Skala, denn:
- es findet keine moralische Bewertung statt - das Tool zeigt auf.
- es wird keine Erwartung formuliert - ich entscheide selbst
- es gibt keine Heilsversprechen - die Wirkung darf selbst erforscht werden.
Fazit Wenn ich die Skala mit ehrlicher Selbstreflexion nutze, kann sie radikal selbstermächtigend und gesellschaftswirksam sein